Bildungsprogramm
 
Feministische Bildung in der Schokofabrik

Im Februar 1986 wurde Gudrun, die neue Sozialarbeiterin der Schokofabrik, u. a. mit der Aufgabe betraut, den feministischen Bildungsbereich aufzubauen. Mit Unterstützung von zwei Praktikantinnen, Margit und Brigitte, gründete sich eine erste Kleingruppe von sechs Frauen. Gemeinsam diskutierten sie in regelmäßigen Treffen erst einmal den Begriff "Feministische Bildungsarbeit" und konkrete Themenvorschläge einzelner Frauen z. B. Frauen in den Medien, sowie Frauen und "3. Welt".

Parallel dazu diente die Schokofabrik als ein öffentlicher Raum für diverse Frauenaktivitäten.
1986 und 1987 fanden in der Schokofabrik u. a. Seminare, Kurse, Ausstellungen, Lesungen und Workshops statt, die von aktiven Feministinnen Berlins durchgeführt wurden.

Die sporadischen, unzusammenhängenden Veranstaltungen entwickelten sich zu regelmäßi-
gen Seminaren, die auf der Basis des Konzeptes "Gegen Gewalt gegen Frauen" strukturiert wurden. Bald war die Schokofabrik ein wichtiger Ort für öffentliche Diskussionen der Frauen-
bewegung im Berlin der 80er Jahre.

Halina Bendkowski, die Kulturreferentin der Schokofabrik (1987 1990), war zugleich Spre-
cherin der FrauenfrAKTION, der ersten überparteilichen politischen Frauenlobby. Sie organisierte und koordinierte die Diskussionen der FrauenfrAKTION in der Schokofabrik. In den Bildungsprogrammen der Jahre 1997 1990 finden sich folgende Aktivitäten:

--> Alte und neue feministische Geschichte, Veranstaltungsreihe der Berliner FrauenfrAKTION
--> Feministische Leviten und Reminiszenzen, Veranstaltungsreihe
--> Pornographiedebatte im Kontext der Thematik "Gewalt gegen Frauen",
      Veranstaltungsreihe.

Außerdem fanden aktuelle politische Themen der 80er Jahre ein zentrales Podium in der Schokofabrik:

Tschernobyl-Jahrestag, April 1987
Diskussionen zum Thema Vergewaltigung, Juli 1987.
Was tun gegen frauenverachtende Pornographie?, Dezember 1988
Diskussion zur Volkszählung, Mai 1988

Die politischen Veränderungen der 90er Jahre waren für die Frauenprojekte im allgemeinen und für den Bildungsbereich der Schokofabrik insbesondere von entscheidender Bedeutung. Die Frauenbewegung verlor an ihrer Basis an politischer Schlagkraft. Der politische Druck auf die Regierung kam stärker von der neu etablierten Lobbyebene. Der Bildungsbereich der Schokofabrik war nun allein durch die Stelle für feministische Bildung gesichert. Diese Stelle wurde seit ihrer Einrichtung im Jahre 1987 aus staatlichen Mitteln finanziert. Zunächst wurden nur befristete Verträge vergeben. 1991 wurde vom Berliner Senat eine feste Stelle geschaffen. Bildungsreferentinnen waren in dieser Situation zunehmend auf sich gestellt. Folglich wurde die Arbeit überwiegend von den Bildungsreferentinnen geprägt.

Waltraud Schwab, Kommunikationswissenschaftlerin und Bildungsreferentin der Schokofabrik (1991 bis Mitte 1997) betreute diesen Übergang in der Schokofabrik. In der Tradition der Frauenbewegung gründete sie mit aktiver Beteiligung von Einzelpersonen und anderen Frauenorganisationen das Internationale Frauenaktionsbündnis gegen Rassismus, Sexismus und Antisemitismus (IFAB). Aus diesem Bündnis konstituierte sich u. a. eine Gruppe, die unter der Leitung von Waltraud Schwab in den Jahren 1993 und 1994 die Plakataktion "Antirassisti-
sche Bilderrätselserie" realisierte. Die acht Plakate wurden zwei Jahre lang auf den Plakat-
wänden im U-Bahnhof Moritzplatz ausgestellt.

Waltraud Schwab bot Deutschkurse für Ausländerinnen an, mit dem Ziel, ein entsprechendes Lehrbuch zu verfassen.

Darüber hinaus organisierte sie Seminare zu aktuellen politischen Themen, z. B. über den Krieg in Bosnien/Ex-Jugoslawien.

Die Bildungsreferentinnenstelle wurde im Juli 1996 vom Berliner Senat gestrichen. Stattdes-
sen wurden Gelder für Honorartätigkeiten bereitgestellt. So verlor der Bildungsbereich der Schokofabrik ein zentrales Element seiner Struktur.

Neben Jale Ahmadi, der freien Mitarbeiterin des Bildungsbereiches der Schokofabrik, übernahm Birgit Erbe vom Herbst 1997 bis Sommer 1998 die Verantwortung für den Bildungsbereich.

Birgit Erbe, zugleich Mitarbeiterin des Bildungswerkes Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung und der Liga für Menschenrechte, organisierte und koordninierte Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit den o. g. Organisationen. Ihr Schwerpunkt war "Menschenrechte der Frauen", Beispiele:

Zur Problematik der Verschleppung und Zwangsverheiratung, Podiumsdiskussion
Frauenrechte Menschenrechte Kulturelle Rechte, anlässlich des 250. Geburtstages der
   Französischen Revolutionärin und Frauenrechtlerin Olympe de Gouge, 1998
Lokale Ökonomie als Strategie in Zeiten der Globalisierung "Politics from within"

Jale Ahmadi, im Exil lebende iranische Ärztin, ehemalige Bildungsreferentin des Bildungswerkes für Demokratie und Umweltschutz und freie Mitarbeiterin der Schokofabrik, übernahm ab Mitte 1998 die Verantwortung für den gesamten Bildungsbereich des Frauen-
zentrums Schokofabrik.

Sie bagann ihre Mitarbeit im Bildungsbereich des Frauenzentrums mit der Gründung des "Internationalen Kommunikationsforums IKF" im Jahre 1994. Das Forum beschäftigt sich in Seminaren, Informationsveranstaltungen und Podien mit dem religiösen Fundamentalismus als einem globalen antifeministischen Phänomen, das zur Zerstörung der internationalen Solidarität der Frauen und Schaffung eines Nährbodens für den kulturellen Rassismus führt. Deshalb führt das IKF seit 1995 den ergänzenden Namen "Frauen gegen Fundamentalismus und Rassismus".

Das IKF machte seit seiner Eröffnung im März 1994 den Internationalen Frauentag zum Tag des politischen Protests gegen Gewalt gegen Frauen und zum Tag der Solidarität mit den Betroffenen. Das IKF organisierte auch Aktionen gegen Gewalt gegen Frauen: zum Beispiel im Jahre 1995 die Aktion zur Unterstützung der von islamischen Fundamentalisten zum Tode verurteilten Schriftstellerin Taslima Nasrin aus Bangladesch. Neben dem bildungspolitischen Anspruch sollte das IKF als Koordnationsstelle dienen, um Ergebnise der Diskussionen nach außen, d. h. in die Gesellschaft zu tragen und Stellung gegen verschiedene Formen der Unterdrückung von Frauen zu beziehen. Die Teilnahme am NGO-Forum der Weltfrauenkonfe-
renz in Huairo sollte diesem Ziel dienen. Jale Ahmadi präsentierte die Ideen des Forums mittels einer Siebdruckplakatserie auf der NGO-Weltfrauenkonferenz. Die Schokofabrik war durch das IKF bzw. Jale Ahmadi auf folgenden Nachbereitungsveranstaltungen zur 4. Weltfrauenkonferenz vertreten:

Nachbereitung zur 4. Weltfrauenkonferenz, 22. September 1995, Schokofabrik
Was ist nach der Weltfrauenkonferenz zu lernen? Eine Veranstaltung der Berliner
   FrauenfrAKTION, Unabhängiger Frauenverband und Bündnis 90/Die Grünen,
   12. Oktober 1995, Haus der Kulturen der Welt
Strategien gegen die patriarchalische Internationale Frauenperspektiven nach Peking,
   25. 5. 1996, Humboldt-Universität
Konferenz der Basisfrauen, "Ein Jahr nach Peking, Nachbereitung der
   4. Weltfrauenkonferenz", 30. November 1996

Weitere Informationen über diese Aktivitäten finden sich in der Dokumentation "Fundamen-
talismus contra Feminismus", Hrsg. von Jale Ahmadi, Berlin 1998.

Darüber hinaus hat das IKF im Rahmen größerer Veranstaltungen, zum Teil als Mitorganisa-
tor, Arbeitsgruppen organisiert und geleitet. Diese wurden in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Internationalen Liga für Menschenrechte, dem Verein iranischer politischer Flüchtlinge, dem Humanistischen Verband Deutschland und dem 23. Feministischen Juristinnentag durchgeführt.

Während der langjährigen Bildungsarbeit haben sich neben dem IKF mehrere Projekte herausgebildet, die für die Kontinuität und die Perspektiven der Bildungsarbeit stehen.

Unter dem Titel "Was ist Frau, was ist Mann, wo bleibt das Andere?" fanden in den Jahren 1999, 2000, 2001 und 2002 Seminarreihen, Filmveranstaltungen und Workshops zur Genderdebatte statt. Darüber hinaus wurden Diskussionen zur Thematik Sex/Gender-Identität in Workshops umgesetzt.

Als ein weiterer wichtiger Bereich der feministischen Bildungsarbeit innerhalb des Frauenzentrums hat sich die "Werkstatt des Bewusstseins" entwickelt. Dieses Projekt realisiert die Idee eines ganzheitlichen Feministischen Bildungskonzeptes. Dieses enthält sowohl Elemente politischer Bildung als auch medizinisch-psychologischer Beratung bzw. Betreuung.
Im Rahmen dieses Projektes finden kontinuierlich Workshops zur Thematik "Sexuelle Identitäten in Alltag, Kunst und Politik" statt. In Gruppengesprächen werden die frauenspezi-
fischen Probleme bzw. die aus der Geschlechteridentität resultierenden inneren Konflikte thematisiert und bearbeitet. Über die Alltagsbewältigung hinaus ist die Neurosenprävention das Ziel dieser Workshops.

Der Bildungsbereich, vertreten durch Jale Ahmadi, repräsentiert außerdem das Frauenzen-
trum Schokofabrik in anderen Diskussionsforen durch aktive Teilnahme an regionalen, nationalen wie auch internationalen Aktionen, Symposien und Konferenzen.

Die Beiträge zu folgenden Veranstaltungen sind dokumentiert und können über die Schokofabrik bezogen werden:

4. Weltfrauenkonferenz, September 1995, Huairo, VR China
Activism Against Gener Violence, 25. 11. 1995, Berlin
Frauen in den Religionen Frauen trotzen den Religionen, Veranstaltung des
   Frauenpolitischen Forums, Heinrich-Böll-Stifung, 3. 5. Mai 1996, Köln
Menschenrechte aus feministischer Sicht, Tagung der Internationalen Liga für
   Menschenrechte, 25. 27. Oktober 1996, Berlin
Konferenz der Basisfrauen, 30. November 1996, Berlin
8. Internationale Konferenz der Iranian Women's Studies Foundation, 1997, Paris
23. Feministischer Juristinnentag, 2. 4. Mai 1997, Berlin
Center for Eurpean Studies, Harvard University, 26. April 199, Cambridge/USA
Diaspora Lecture Series, Trinity College, 15. April 1999, Hartford, Connecticut/USA
Internationaler Frauentag, Veranstaltung zum Thema Verschleierung, Haus der Kulturen
   der Welt, März 2000, Berlin
12. Internationale Konferenz der Iranian Women's Studies Foundation, Juni 2001,
   Stockholm
9. Berliner Symposium zum interkulturellen Kommunikationsmanagement, Globalisierung
   und kulturelle Differenz, 18. Januar 22. Februar 2002, Universität der Künste, Berlin

Jale Ahmadi, 2002

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